8. THIS IS FOR EVERYONE

Liebe Barbara

In einem deiner Beiträge hast du dich bereits mit Responsives Webdesign auseinander gesetzt. In der Zwischenzeit hatten wir im Rahmen unseres Studiums eine Lehrveranstaltung zu diesem Thema und wir beide haben einiges dazu gelerent, das wir noch sicherlich auf unserem Blog umsetzen können (und werden).

In diesem Blogartikel möchte ich mich jedoch auf die Grundprinzipien des Internets zurück beziehen und dir von meiner Auseinandersetzung mit einer Keynote von Jeremy Keith erzählen.

Happy Birthday, Internet!

Letztes Jahr feierten wir das 30-jährige Jubiläum des Internets. 30 Jahre sind nicht lange und trotzdem können wir uns eine Welt ohne Web nicht mehr vorstellbar. Der Begründer des World Wide Webs, Sir Tim Berners-Lee, betont regelmäßig, dass er diese Welt für alle geschaffen hat.

In der Eröffnungszeremonie der olympischen Sommerspiele 2012 erschien der Satz: von Tim Berners-Lee "This is for everyone".
Das Internet als Geschenk von Tim Berners-Lee. Während der Eröffnungszeremonie der olympischen Sommerspiele 2012 in London erschien dieser Satz.
Foto: Martin Rickett/PA

In der Realität jedoch ist das Internet nicht für alle auf gleiche Weise zugänglich. Für Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen beispielsweise kann sich das Surfen auf diversen Websites als schwierig und herausfordernd erweisen.

Die drei Grundprinzipien des Internets

Auf einer Konferenz für Webentwickler namens „beyond Tellerrand“ wurde Jeremy Keith 2013 eingeladen die erste Keynote zu sprechen. In diesem Talk ruft uns Keith die Grundprinzipien des World Wide Webs in Erinnerung:

  • Die Barriere zum Internetzugang ist niedrig.
  • Jede Person hat die Möglichkeit Inhalte zu veröffentlichen.
  • Man fragt nicht um Erlaubnis (um beispielsweise auf andere Websites zu verlinken).
Jeremy Keith spricht die Eröffnungsrede im Rahmen einer Konferenz.
Jeremy Keith während der ersten Keynote im Rahmen der Konferenz „beyond Tellerrand“ 2013.

Jeremy Keith ist ein fantastischer Geschichtenerzähler und er führt die ZuhörerInnen durch unterschiedliche Anekdoten und Beispiele, die mit einem oder mehreren diese Grundprinzipien verbunden sind.

Internet als Prozess der Demokratisierung

Besonderen Eindruck hat bei mir das Beispiel hinterlassen, welches Keith als „democratising power through technology and web for creativity“ beschreibt. Er verweist auf einen von Ze Frank aufgerufenen Wettbewerb für die hässlichste Myspace Seite (für alle jüngeren LeserInnen: Myspace war/ist ein soziales Netzwerk in Zeiten vor Facebook). Im Rahmen dieses Wettbewerbs hat Ze Frank eine E-Mail erhalten, indem er kritisiert wurde sich über die ErschafferInnen der „hässlichen“ Myspace Seiten lustig zu machen. Seine Antwort ist hörenswert:

  • Wer entscheidet über guten oder schlechten Geschmack?
  • Wer hat das Wissen Dinge zu erstellen?
  • Wer hat die dazu benötigten Ressourcen?

Ze Frank und Jeremy Keith betonen die Hässlichkeit als Experiment für Konsumenten und Konsumentinnen. Das Internet hat die Fähigkeit zu demokratisieren, die Trennung zwischen HerausgeberInnen und VerbraucherInnen aufzuheben.

Mit Fragen der Ausgrenzung und die Problematik der Elitisierung habe ich mich bereits in den letzten Beiträgen beschäftigt: Sprichst du Computer? oder Unsere Sprache – Abbildung unserer Realität? Daher möchte ich mich diesmal einer anderen Perspektive nähern.

Gesetzlosigkeit vs. Standards des Internets

Jeremy Keith fühlt sich in geschlossenen Systemen mit fixen Regeln nicht wohl (zumindest äußert er das im Rahmen seiner Keynote im Video an der Stelle 37:00). Er bevorzugt das offene und damit einhergehend unordentliche System. Ich sehe hier jedoch ein Paradoxon: ein offenes System, indem jeder und jede Websites veröffentlichen können, hat das Problem nicht für alle gleichermaßen zugänglich zu sein. Erst durch Standards und Regeln kann man sicherstellen, dass Websites auch beispielsweise für Menschen mit körperlichen Einschränkungen sichtbar und lesbar sind. Design Guidelines, wie beispielsweise Farbkontrast, Schriftgrößen und ähnlichem ermöglichen es Designers Websites für Menschen zu gestalten, deren Bedürfnisse sie nicht kennen.

„Principle of least powerful“

Im Rahmen unseres Content-Strategie Studiums wären wir im Mai nach London gereist. Leider konnte die Reise aufgrund des Lockdowns von COVID-19 nicht stattfinden und so trafen wir Experten und Expertinnen aus dem Feld online. Unter anderem hatten wir auch die Chance Jeremy Keith kennenzulernen, der uns von der Geschichte des World Wide Webs erzählte. Er hat seinen spannenden Vortrag mit einem Design Prinzip von Tim Berners-Lee beendet: „Principle of least powerful“ – so einfach wie nur möglich zu designen. Auf diese Weise können nicht nur veraltete oder neue Technologien auf die Inhalte zu greifen, die Schwelle zur Publikation ist niedriger. Das Internet wurde nicht als reines Konsum-Medium erfunden, sondern vor allem, um Kollaboration und Zusammenarbeit zu ermöglichen.

Das Internet vergisst nie!?!

Technologien und vor allem das Internet das Phänomen der Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft eingeleitet hat. In meiner Tätigkeit als Social Media Managerin wird von mir erwartet, dass ich auf Trends schnell regiere, Kampagnen im Rahmen von Monaten plane und Jahresabschlüsse mache. In welchen Zeitspannen denkst du in Bezug auf das Internet? Wie alt sind die gängigen Seiten, die du besuchst? Was passiert mit Daten, die mehr als zehn Jahre at sind?

Keith ruft in seiner Keynote dazu auf, Projekte in Jahrzehnen zu denken. Er selbst bewegt sich zwischen zwei zeitlichen Extremen. Auf der einen Seite ist die Performance, die sich in Mikrosekunden abspielt und auf der anderen Seite Projekte, die versucht „to contribute in larger whole“. Ich würde meinen, dass Jeremy Keith damit erfolgreich ist. So ist die Keynote, auf die ich in diesem Blogartikel so oft zu sprechen komme, aus dem Jahr 2013. Sieben Jahre in der Welt des Internets sind schon eine nicht zu unterschätzende Zeitspanne. Trotzdem haben seine Gedankenstreifzüge nichts an Aktualität verloren.

Hier ist der gesamte Talk von Jeremy Keith zum Nchhören und Nachschauen 🙂