24. Was passiert, wenn ich eine URL im Browser Fenster eintippe und Enter drücke?

Liebe Barbara

Unser Studium nähert sich dem Ende! Was ich dich schon immer fragen wollte, warum hast du angefangen zu studieren? Mein wichtigster Beweggrund war, dass ich mich in einem Feld, indem ich schon Erfahrungen gesammelt habe, professionalisieren wollte. In meiner damaligen Tätigkeit als Marketing Managerin im Weltmuseum Wien habe ich unbewusst schon Techniken und Methoden von Content Strategie angewendet, ohne sie benennen zu können – wie zum Beispiel eine User-zentrierte Herangehensweise in Entscheidungen.

Ein weiterer Grund von mir Content Strategie zu studieren, war es mich mit der technischen Seite von Content Strategie auseinander setzen zu müssen.

Ich benutze das Web jeden Tag, weiß jedoch nicht ganz so Recht, wie es funktioniert.

Wir sind es gewohnt, eine URL im Browser einzugeben und die gewünschte Zielseite zu sehen. Diese Aktivität wird von uns täglich durchgeführt, ohne zu wissen oder uns zu fragen, wie es funktioniert. Dabei ist das System hinter einer angeforderten URL sehr komplex und gleichzeitig überraschend erstaunlich. Lass mich zunächst einige grundlegende Begriffe erklären:

Was ist eine IP-Adresse?

Das Internet Protocol identifiziert eine einzelne Netzwerkschnittstelle und keinen Computer. Über unterschiedliche Netzwerke (WiFi, Kabel, …) gibt es unterschiedliche IP-Adressen. Jede IP-Adresse ist eine einzelne Zahl, die die Identität unterscheidet. Die klassischste IP-Adresse hat die Form von IPv4 (Internet Protocol Version four). Es ist 32 Bit lang und wird durch 4 Dezimalzahlen (von 0 bis 225) dargestellt. Dies geschah, weil man sich die Adresse leichter merken kann, wie z.B. 10.117.23.46 Insbesondere seit der Erweiterung des IoT (Internet of Things) wächst die Zahl der mit dem Internet verbundenen Geräte rasant. Um eindeutigere Identifikationen zu haben, wurde IPv6 geschaffen, das aus 128 Bit besteht.

Was ist eine URL (Uniform Resource Localisation)?

In einer URL befinden sich mehrere Information, ähnlich einer Adressangabe (Straße, Haus-und Türnummer, Postleitzahl):

  • die Webressource wie z.B. eine Website und ihre Accessoren (Netzwerkprotokolle wie HTTP oder FTP)
  • die Lokalisierung der Website im Computernetzwerk

Eine URL besteht aus mehreren Teilen und definiert ein hierarchisches System, beginnend mit der TLD:

Aufbau einer URL

Zurück zur Ursprungsfrage: Was passiert genau, nachdem ich Enter drücke?

SCHRITT 1: Nachdem ein Gerät eingeschaltet und mit dem Internet verbunden wurde, erhält das Gerät sofort eine IP-Adresse. Dies geschieht aufgrund von DHCP (Dynamic Host Configuration Protocol). Das DHCP weist Geräten IP-Adressen zu, damit diese mit anderen IP-Netzwerken kommunizieren.

SCHRITT 2:Wir öffnen unseren Browser, geben eine URL ein und drücken die Eingabetaste. Als erstes prüfen der Browser und das Betriebssystem, ob die URL bekannt ist. Wenn sich die URL nicht im Cache des Browsers befindet, benötigt das Gerät Hilfe vom DNS (Domain Name Server). Wenn das DNS keine Antwort auf die angeforderte IP-Adresse hat, muss es als nächstes bei den Root-Servern nach der IP suchen.

Was sind Root-Server?

Das sind auch Namen-server und im Grunde die Bosse des DNS in der Root-Zone. Ein Root-Server beantwortet Anfragen, indem er eine Liste der ANS (Authoritative Name Server) für die entsprechende TLD zurückgibt. In Österreich ist zum Beispiel nic.at am wichtigsten. Dieses Unternehmen ist die offizielle Behörde (Registry) für alle Domains mit den Endungen .at, co.at und org.at.

Am Beispiel der URL www.fh-joanneum.at, das Gerät erhaltet Informationen in den folgenden drei Teilen:

TLD.atInformation vom Root-Server
Domainfh.joanneumvergeben seitens nic.at
Subdomainwwwerhalten seitens der lokalen DNS

Um das nächste Mal Zeit zu sparen, wird der Browser dies IP „cachen“.

SCHRITT 3: Hurra! Der Browser kennt die IP-Adresse der URL. Durch das TCP (Transmission Control Protocol) kann der Browser den Webserver direkt kontaktieren und weitere Informationen anfordern. Genauer gesagt sendet der Browser eine HTTP-Anfrage (Hypertext Transfer Protocol). http ist die Grundlage der Datenkommunikation im Internet – die Sprache zwischen Geräten. https bedeutet, dass die gesamte Kommunikation zwischen dem Browser und den Websites verschlüsselt ist – eine geheime sichere Sprache. Der wichtigste Teil von https ist die Authentifizierung durch den Besitz von Zertifikaten wie SSL (Secure Sockets Layer) oder TLS (Transport Layer Security). Auf dem Zertifikat steht die/der Inhaber*in und von welcher Firma der/die Inhaber*in das Zertifikat erhalten hat. Diese Zertifizierungen müssen regelmäßig erneuert werden.

SCHRITT 4: Wenn http(s) die Sprache ist, wo ist der Inhalt der Sprache? Nachdem der Webserver die http-Anfrage erhalten hat, leitet dieser die Anfrage an ein Programm wie PHP, Ruby usw. weiter. Das Programm liest, was angefordert wird und stellt die Antwort in einem Format wie HTML zusammen. Der Browser antwortet in HTML-Inhalten und der User kann verschiedene Elemente auf der Webseite sehen: strukturierter Text, Bilder, Links zu anderen Ressourcen und wahrscheinlich eingebettete Video-, Audio- oder andere Multimedia-Inhalte. Voilá!

Zu kompliziert?

Hier sind zwei Videos, die es auf einfache Art und Weise veranschaulichen:

7. Sprichst du Computer?

Liebe Barbara

In meinem letzten Beitrag Unsere Sprache – Abbildung unserer Realität? schreibe ich darüber, wie unser Sprachsystem unsere Realität beeinflusst. Spricht man mehrere Sprachen, erweitert man sprichwörtlich seinen Horizont und nimmt seine Wahrnehmung anders wahr. Die Wissenschaftlerin Miranda Fricker hat zum Beispiel untersucht, welche Folgen nicht benannte Missstände haben. Sexuelle Belästigung existierte 1960 in den USA nicht. Im Gegenteil die ungewollte Annäherung wurde seitens der Täter als Flirt oder Kompliment aufgefasst. Die belästigte Angestellte konnte nichts unternehmen, um sich zu schützen. Das Problem wurde nicht verstanden. Unsere Realität wird von Sprache erschaffen und geformt. Das gilt nicht nur für unsere reale Umgebung, sondern auch für den digitalen Raum – wenn nicht sogar viel mehr!

Programmiersprachen kreieren buchstäblich unsere digitale Welt.

Auf Wikipedia sind insgesamt 359 unterschiedliche Programmiersprachen gelistet. Wie viele Menschen auf der Welt verstehen zumindest eine dieser Computersprachen? Wie viele können sie aktiv benutzen, um zu programmieren?

Wenn man sich einen typischen Programmierer vorstellt, dann hat man einen weißen Mann vor Augen, einen Nerd im Kapuzenpulli, scheu und ungeschickt in sozialen, menschlichen Interaktionen.

Die Tech-Branche ist männlich dominiert. Der Anteil weiblicher IT-Fachkräfte liegt bei Apple bei 23 Prozent, bei Google bei 20 und bei Facebook sowie Amazon sind es jeweils 19 Prozent – auf den Führungsebenen findet man fast gar keine Frauen.

Quelle: faz.net/sie-schaffen-das

Was für Auswirkungen hat Brotopia?

Unsere Zukunft wird von einem kleinen, elitären, homogenen Männer-Club bestimmt. Autorin und TV-Journalistin Emilia Chang hat diesem Club als Brotopia genannt und ihre Erfahrung damit in ihrem Buch zusammengefasst. Das einseitige Denken und Programmieren einer homogenen Gruppe kann weitreichende Folgen für die Gesamtbevölkerung haben. Als Beispiel verweise ich auf einen TedTalk von Joy Buolamwini. Sie berichtet von ihrer Erfahrung, als sie feststellen musste, dass eine Software ihr Gesicht nicht erkennen konnte:

Obwohl der TedTalk im November 2016 stattgefunden hat, hat sich das Problem nicht verringert. In der Literatur wird diese Form von Diskriminierung als Algorithmische Voreingenommenheit (aus dem Englischen Algorithmic Bias) bezeichnet. Es gibt noch zahlreiche, weitere Beispiele – hier noch weitere zwei:

Wenn in Google Translate spezifische Berufe einem spezifischen Geschlecht zuordnen – das gilt insbesondere für Sprachen ohne grammatikalischem Geschlecht wie Türkisch, Finnisch, Swahili, Usbekisch, Armenhisch zum Beispiel.
Wenn Spracherkennungssysteme nur einen bestimmten Akzent verstehen.

Diskriminierung im Algorithmus

Künstliche Intelligenz ist von Voreingenommenheit betroffen. Die Automatisierung beziehungsweise der Lernprozess eines Computers basiert auf Daten. Der Computer versucht in den Daten Muster und logische Verbindungen zu erkennen, um daraus Gesetzmäßigkeiten zu schließen. Daher kann ein Algorithmus nur so gut sein, wie die Daten, die ihm zur Verfügung stehen. Und hier kommen wir wieder zurück zur Frage, wer Daten generiert?

Wer spricht und schreibt Computer?