7. Sprichst du Computer?

Liebe Barbara

In meinem letzten Beitrag Unsere Sprache – Abbildung unserer Realität? schreibe ich darüber, wie unser Sprachsystem unsere Realität beeinflusst. Spricht man mehrere Sprachen, erweitert man sprichwörtlich seinen Horizont und nimmt seine Wahrnehmung anders wahr. Die Wissenschaftlerin Miranda Fricker hat zum Beispiel untersucht, welche Folgen nicht benannte Missstände haben. Sexuelle Belästigung existierte 1960 in den USA nicht. Im Gegenteil die ungewollte Annäherung wurde seitens der Täter als Flirt oder Kompliment aufgefasst. Die belästigte Angestellte konnte nichts unternehmen, um sich zu schützen. Das Problem wurde nicht verstanden. Unsere Realität wird von Sprache erschaffen und geformt. Das gilt nicht nur für unsere reale Umgebung, sondern auch für den digitalen Raum – wenn nicht sogar viel mehr!

Programmiersprachen kreieren buchstäblich unsere digitale Welt.

Auf Wikipedia sind insgesamt 359 unterschiedliche Programmiersprachen gelistet. Wie viele Menschen auf der Welt verstehen zumindest eine dieser Computersprachen? Wie viele können sie aktiv benutzen, um zu programmieren?

Wenn man sich einen typischen Programmierer vorstellt, dann hat man einen weißen Mann vor Augen, einen Nerd im Kapuzenpulli, scheu und ungeschickt in sozialen, menschlichen Interaktionen.

Die Tech-Branche ist männlich dominiert. Der Anteil weiblicher IT-Fachkräfte liegt bei Apple bei 23 Prozent, bei Google bei 20 und bei Facebook sowie Amazon sind es jeweils 19 Prozent – auf den Führungsebenen findet man fast gar keine Frauen.

Quelle: faz.net/sie-schaffen-das

Was für Auswirkungen hat Brotopia?

Unsere Zukunft wird von einem kleinen, elitären, homogenen Männer-Club bestimmt. Autorin und TV-Journalistin Emilia Chang hat diesem Club als Brotopia genannt und ihre Erfahrung damit in ihrem Buch zusammengefasst. Das einseitige Denken und Programmieren einer homogenen Gruppe kann weitreichende Folgen für die Gesamtbevölkerung haben. Als Beispiel verweise ich auf einen TedTalk von Joy Buolamwini. Sie berichtet von ihrer Erfahrung, als sie feststellen musste, dass eine Software ihr Gesicht nicht erkennen konnte:

Obwohl der TedTalk im November 2016 stattgefunden hat, hat sich das Problem nicht verringert. In der Literatur wird diese Form von Diskriminierung als Algorithmische Voreingenommenheit (aus dem Englischen Algorithmic Bias) bezeichnet. Es gibt noch zahlreiche, weitere Beispiele – hier noch weitere zwei:

Wenn in Google Translate spezifische Berufe einem spezifischen Geschlecht zuordnen – das gilt insbesondere für Sprachen ohne grammatikalischem Geschlecht wie Türkisch, Finnisch, Swahili, Usbekisch, Armenhisch zum Beispiel.
Wenn Spracherkennungssysteme nur einen bestimmten Akzent verstehen.

Diskriminierung im Algorithmus

Künstliche Intelligenz ist von Voreingenommenheit betroffen. Die Automatisierung beziehungsweise der Lernprozess eines Computers basiert auf Daten. Der Computer versucht in den Daten Muster und logische Verbindungen zu erkennen, um daraus Gesetzmäßigkeiten zu schließen. Daher kann ein Algorithmus nur so gut sein, wie die Daten, die ihm zur Verfügung stehen. Und hier kommen wir wieder zurück zur Frage, wer Daten generiert?

Wer spricht und schreibt Computer?

5 . Unsere Sprache – Abbildung unserer Realität?

Liebe Barbara

Wir verbringen mehr Zeit auf unseren Smartphone Nachrichten zu lesen als auf unseren jeweiligen Computer Bildschirmen. Daher stimme ich dir vollkommen zu ein responsives Webdesign ist unablässig. Wir beide werden an unserem Blog contentlog arbeiten und Erfahrungen sammeln. Umso besser ist, dass wir unsere Erkenntnisse und Learning in Form unser Logeinträge miteinander teilen können!

Bevor wir unseren gemeinsamen Blog contentlog begonnen haben, mussten wir die Frage klären, in welcher Sprache wir schreiben werden. Wir haben uns schlussendlich auf Deutsch geeinigt. Warum erwähne ich das? Ich habe mir vor kurzem das Buch „Sprache und Sein“ von Kübra Gümuşay gekauft und bin dabei es zu lesen. Die türkisch stammende Autorin, ist in Deutschland aufgewachsen und hat ebenfalls in Großbritannien gewohnt. Ihr Buch folgt einer Sehnsucht nach einer Sprache, die Menschen nicht auf eine Kategorie reduzieren. Dieser Blogartikel ist unmittelbar entstanden, als ich das erste Kapitel ihres Buches gelesen habe.

Was war zuerst: Wahrnehmung oder Sprache?

Sprachsysteme spiegeln die unterschiedlichen Perspektiven der sprechenden Personen wider. Zum Beispiel gibt es im Schwedischen das Wort lagom, es beschreibt den perfekten Zustand. Nicht zu viel, nicht zu wenig, sondern genau richtig. In den letzten Tagen habe ich versucht eine Liste mit meinen Lieblingswörtern zu sammeln. Viele davon zieren jetzt meine Küchenwand.

So gibt es beispielsweise im Japanischen Begriffe, die spezielle Formen von Ästhetik und Empfindung einfangen, die im Deutschen nur beschrieben werden können:

  • komorebi, beschreibt das Sonnenlicht, das durch die Blätter von Bäumen schimmert
  • fuubutsushi sind Dinge – Gefühle, Gerüche, Bilder – die Erinnerungen bzw. die Sehnsucht nach einer bestimmten Jahreszeit wecken

Besondere Ausdrücke gibt es in vielen Sprachen:

  • fika ist im Schwedischen eine Zeit am Nachmittag für Tee, Kaffee und Kuchen
  • gurfa im Arabischen steht für die Menge an Wasser, die sich in einer Hand schöpfen lässt
  • meraki im Griechischen bedeutet die hingebungsvolle Liebe, Leidenschaft und Energie it der sich jemand einer Tätigkeit widmet
  • boketto im Japanischen ist das, was wir im österreichischen liebevoll mit „ins Narrenkastal schauen“ beschreiben

Dir fallen sicherlich auch Wörter im Deutschen ein, die man schwer in eine andere Sprache übersetzen kann (wie zum Beispiel das vielsagende Wort „also“).

In jeder Sprache liege „eine eigentümliche Weltsicht .“

Wilhelm von Humboldt: Schriften zur Sprachphilosophie: Werke in fünf Bänden.

Ich möchte mit dieser Liste veranschaulichen, dass es in unterschiedlichen Sprachsystemen andere Wahrnehmungen auf die Welt gibt. Mehrsprachige Personen sind daher fähig ihre Perspektive auf ihre Umgebung zu erweitern. Die Sicht auf die Welt wird bunter. Durch diese Differenzen werden jedoch auch die Unzulänglichkeiten eines Sprachsystems deutlich. So gibt es beispielsweise Sprachen, die Menschen nicht nach ihrer Geschlechtsidentität kategorisieren (Finnisch, Türkisch, Swahili …)

Die deutsche Sprache hat ein grammatikalisches Geschlecht und differenziert zwischen weiblichen und männlichen Bezeichnungen. Die Debatte zu geschlechtssensibler Sprache führe ich selbst seit Jahren und ich möchte an dieser Stelle nicht zu sehr darauf eingehen, sondern lediglich klar und unmissverständlich meine Meinung äußern:

Berufsbezeichnungen in der grammatikalisch männlichen Form rufen vor allem Bilder von Männern hervor und marginalisieren somit Frauen. Wir müssen uns dieser Tatsache beim Schreiben und Sprechen bewusst sein.

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.

Ludwig Wittgenstein

In unserer ersten Lehreinheit zu Information Architecture im Rahmen unseres Content Strategy Studiums hat uns Roger Sheen die Fisch Analogie des Autors David Foster Wallace präsentiert:

„This is Water“ – an Essay by David Foster Wallace

Die Grenzen unserer Sprache werden uns nur deutlich, wenn man sich mit anderen Sprachen beschäftigt. Als angehende Content Strateginnen müssen wir versuchen außerhalb unserer Sprachnormen zu blicken. Unsere Perspektive auf die Welt durch die unterschiedlichen Blicke der User sehen.

In den Worten der Autorin :

Wir müssen uns mit der Architektur der Sprache beschäftigen, die unsere Realität erfassen soll. Damit wir aussprechen können, was ist. Damit wir sein können, wer wir sind. Damit wir sehen können, wer die jeweils anderen sind.

Kübra Gümuşay: Sprache und Sein.